Lehre im Wintersemester 2012/2013
Hier finden Sie eine Zusammenstellung der Lehrveranstaltungen, die im Wintersemester 2012/2013 von Mitarbeitern des Husserlarchivs für Studierende angeboten werden. Bitte beachten Sie, dass das Angebot aufgrund der Verpflichtungen von Prof. Dr. Hans-Helmuth Gander als Dekan der philosophischen Fakultät derzeit deutlich eingeschränkt ist.
Hauptseminar: Was ist Gerechtigkeit?
Prof. Dr. Hans-Helmuth Gander, Philippe Merz
Die Frage, was Gerechtigkeit sei und wie sie erreicht werden könne, stellt spätestens seit Platons Politeia eine Kardinalfrage der Philosophie und politischen Theorie dar. Allerdings betrifft sie das alltägliche Leben jedes Menschen zugleich so unmittelbar, dass sie auch zu den prominentesten gesellschaftspolitischen Fragen überhaupt zählt. Kein Tag vergeht, an dem nicht von einer Interessengruppe im Namen einer bestimmten Idee oder auch im Dienst einer Wahlkampagne lautstark „mehr Gerechtigkeit" eingefordert wird. Dabei gerät zunehmend in den Hintergrund, wie vielschichtig, kontextabhängig und somit latent unklar der Begriff der Gerechtigkeit näher besehen ist.
In unserem Seminar werden wir uns dieser semantischen Mehrdeutigkeit stellen und die unterschiedlichen Facetten und Ebenen des Gerechtigkeitsbegriffs herausarbeiten. Daraufhin werden wir den Schwerpunkt auf die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Gerechtigkeit legen (etwa Rawls, Walzer, Habermas, Sen, Kersting, Nussbaum). Diese sollten zwar nicht von den Entwürfen früherer Epochen isoliert werden, doch die wirkmächtigen Positionen der Antike (etwa Platon, Aristoteles, Augustinus) sowie der Neuzeit und Moderne (etwa Hobbes, Rousseau, Kant, Hegel, Marx) werden primär insoweit in den Blick geraten, als sie für das Verständnis der zeitgenössischen Diskussionen relevant sind. Die systematisch zentrale Frage des Seminars lautet demnach: Was bedeuten politische und soziale Gerechtigkeit unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts?
Literatur:
- Primärliteratur: Christoph Horn, Nico Scarano (Hrsg.), Theorien der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt/Main 2008.
- Literatur zur Einführung: Otfried Höffe, Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung, München 2007.
Interpretationskurs: Aristoteles: Politik (Teil 1)
Martin Baesler
Die Bestimmung der Politik als praktische Wissenschaft durch Aristoteles lässt uns das menschliche Gemeinwesen auf der Grundlage philosophischer Begriffe verstehen. Dieser Grundgedanke der Gesellschaft zielt auf die Frage, wie es im Ganzen zu realisieren ist, dass der einzelne Mensch sich entfalten kann. In diesem Interpretationskurs geht es darum, die Wissenschaft der Politik und die Wissenschaft der Philosophie anhand gemeinsamer Begriffe der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Bestimmung des menschlichen Lebens wechselseitig zu erarbeiten. Die „Politik“ des Aristoteles, in der er die Ordnung und die Verfassungsformen der Polis anhand ihrer Ausrichtung nach dem guten Leben darlegt, bildet dafür die Grundlage. Wir setzen uns mit den einzelnen Abschnitten des Buches unter ausgewählten thematischen Gesichtspunkten auseinander. Ziel ist es, dass das wissenschaftliche Denken und Arbeiten erlernt wird. Alle inhaltlichen Schritte dazu werden im Interpretationskurs und Tutorat durch das Erstellen von Arbeiten und Vorträgen entwickelt und in der gemeinsamen Diskussion erprobt.Literatur:
- Zur Anschaffung empfohlen: Aristoteles: Politik. Übers. v. Olof Gigon. München: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv).
Proseminar: Gleich und unabhängig - ist das die Bedingung der menschlichen Freiheit?
Martin Baesler
John Locke schreibt: „The state of Nature has a law of Nature to govern it, which obliges every one, and reason, which is that law, teaches all mankind who will but consult it, that being all equal and independent, no one ought to harm another in his life, health, liberty or possessions.”
In diesem Seminar soll anhand der Begriffe der Gleichheit und Unabhängigkeit die Freiheit (liberty) bei John Locke, mit der er den Staat legitimiert, näher in den Blick genommen werden. Lockes Rückgriff auf die menschliche Natur ist eine interessante und bis in die heutige Zeit hinein einflussreiche Grundlage zur Errichtung des Staates. Locke eröffnet ein Spannungsverhältnis zwischen einem Ideal, das sich in allen Menschen findet und auf das sich der Staat gründen lassen muss, und einer Natur des Individuums, die in ihrer Unvollkommenheit einer staatlichen Regulierung bedarf. Wie kommt es auf dieser Grundlage einer nach Vernunft (reason) gegründeten allgemeinen Gesetzgebung und Ausrichtung des Staates zu einer individuellen Entfaltung jedes einzelnen Bürgers?
Literatur:
- Textgrundlage: John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung. Übers. von Hans Jörn Hoffmann; hrsg. und eingel. von Walter Euchner. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
- Empfehlenswert auch die englische Ausgabe: John Locke: Two treatises of government. Ed. with an introd. and notes by Peter Laslett. Cambridge: Cambridge University Press.
Proseminar: Husserls VI. Logische Untersuchung.
Dr. Fausto Freisopi
Die VI. Logische Untersuchung. Einleitung zur phänomenologischen Erkenntnistheorie
Was halten wir für phänomenologische Erkenntnistheorie? Können wir die Phänomenologie der Erkenntnis als universale Struktur der Wissenschaft und des Erkennens noch behaupten? Um diesen Fragen zu antworten, werden wir eine detaillierte Lesung entwickeln und Husserls VI. Logische Untersuchung als Grundlage aller phänomenologischen Ansätze und Probleme der Erkenntnis kommentieren. Wir werden erstens die allgemeine Struktur der VI. Logischen Untersuchung im Rahmen der allgemeinen Struktur der Logischen Untersuchungen kontextualisieren. Wir werden zweitens die theoretischen Hauptpunkte der phänomenologischen Erkenntnistheorie analysieren und kommentieren (insbesondere das Verhältnis zwischen leeren Intentionen und Reihen der Erfüllung als Grundstruktur der wissenschaftlichen Modellisierung). Wir werden drittens sowohl die Bearbeitung der VI. Logischen Untersuchung als auch deren neues Vorwort als Zeichen der Transzendentalisierung der Phänomenologie durch die Einleitung der formalen Anschauung und der Horizontstruktur zu kommentieren haben.
Literatur:
- E . Husserl, Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis, M. Nijoff, Den Haag, 1984 (Husserliana XIX)
- E. Husserl, Logische Untersuchungen. Ergänzungsband. Erster Teil. Entwürfe zur Umarbeitung der VI. Untersuchung und zur Vorrede für die Neuafulage der Logischen Untersuchungen (Sommer 1913). Husserliana XX/1.
Materialien zu Lehrveranstaltungen
